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Schätze der MGH

Schätze aus 200 Jahren MGH-Geschichte - Folge 1: Vor 1200 Jahren auf der Suche nach einer neuen Schrift

Fragment eines Salzburger Psalters aus dem 8. Jahrhundert.
Foto: MGH/ Ingo Seufert

Während der Schließung unseres Instituts stellen wir Ihnen in loser Folge Stücke aus unserem Archiv und unserer Bibliothek vor. Hier finden Sie Raritäten wie auch Dokumente, die die Entwicklung der Monumenta Germaniae Historica prägten. Die MGH wünschen viel Spaß bei der Entdeckungsreise!

Diese vier kleinen Schnipsel sind Zeugen einer großen Bewegung: Von den britischen Inseln zogen im frühen Mittelalter Mönche los, um den christlichen Glauben zu verbreiten. Im Zuge dieser Christianisierung gründete Bonifatius 739 das Bistum Salzburg. Von dort stammen unsere Schnipsel. Sie sind Überreste eines Salzburger Psalters aus dem 8. Jahrhundert, der irgendwann und irgendwo zerschnitten wurde.

Die Pergamenthandschrift war sicherlich ein schwerer Brocken und zu dem Zeitpunkt nur noch als Material für Buchbinder von Interesse. 800 Jahre nach ihrer Entstehung wurde mit den vier Streifen der Buchrücken eines Bandes mit Kommentaren zu den Gedichten des Horaz verstärkt. Im 17. Jahrhundert gehörte dieses Buch einer Familie Kern in Riga. Im 19. Jahrhundert erstand der Münchner Mittellateiner und Handschriftenforscher Ludwig Traube (1861–1907) den Band, ohne von dem Schatz zu ahnen, der sich in dessen Buchrücken befand. Seine Bibliothek bekamen nach dem Tod Traubes die MGH. Vermutlich bei deren Umzug nach München nach dem Zweiten Weltkrieg platzte der Einband auf – und zutage kamen unsere vier Schnipsel.

Dass sich die Buchstaben relativ gut lesen lassen, liegt ebenfalls an einer großen Bewegung: der sogenannten „karolingischen Renaissance“. Unter der Herrschaft Karls des Großen wurde vor 1200 Jahren eine Schrift entwickelt, die gut lesbar sein sollte. Die Buchstabenformen dieser Schrift, der karolingischen Minuskel, prägen auch unsere heutige Druckschrift. Aber die Buchstaben auf unseren Schnipseln erzählen noch mehr! Sie zeigen neben den Charakteristika der karolingischen Minuskel Elemente einer älteren Schrift, die auf den britischen Inseln verbreitet war, der insularen Halbunziale. War der Schreiber des Psalters, aus dem unsere Pergamentstreifen stammen, vielleicht ein Ire, Schotte oder Engländer? Oder war seine Vorlage eine mitgebrachte Handschrift von den britischen Inseln?


Mehr zu dieser MGH-Archivalie im Beitrag von Arno Mentzel-Reuters: Mittelalter lesbar machen. Festschrift 200 Jahre Monumenta Germaniae Historica, 2019, S. 86.

19.03.2020 13:50