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Schätze der MGH

Schätze aus 200 Jahren MGH-Geschichte – Folge 10: Ein verheerender Brand

MGH-Archiv A 240,7. Mommsens Arbeitsmaterial zur Chronik des
Marcellinus Comes mit deutlichen Brandspuren. Foto: MGH

In loser Folge stellen wir Ihnen Stücke aus unserem Archiv und unserer Bibliothek vor. Hier finden Sie Raritäten wie auch Dokumente, die die Entwicklung der Monumenta Germaniae Historica prägten. Die MGH wünschen viel Spaß auf der Entdeckungsreise!

Ein kostbares Originaldokument mit nachhause nehmen und dort in aller Ruhe lesen und transkribieren – unabhängig von Öffnungszeiten und Nutzungsbedingungen: Davon träumt jeder, der mit Archivalien und alten Handschriften arbeitet. Vor 150 Jahren genossen MGH-Mitarbeiter dieses Privileg. Archive und Bibliotheken liehen ihre kostbarsten Stücke für die Editionsarbeit in die Räume der MGH aus und von dort wurden sie auch an den heimischen Schreibtisch mitgenommen.

So konnte sich im Jahr 1880 eine Katastrophe ereignen, die die Gelehrtenwelt erschütterte und von der die abgebildeten Archivalien zeugen. Theodor Mommsen hatte für die Edition der Gotengeschichte des Jordanes gleich mehrere Handschriften in seinem privaten Arbeitszimmer liegen, darunter auch die kostbare Leithandschrift der Gotengeschichte, Codex Heidelbergensis 921 aus dem 8. Jahrhundert, als er im Juli 1880 bei nächtlicher Arbeit eine Lampe umstieß und seine wertvolle Arbeitsbibliothek in Brand setzte. Das Feuer zerstörte die Bibliothek zum großen Teil, nur Weniges konnte aus den Überresten geborgen werden. Vier Handschriften des Jordanes, darunter auch die Leithandschrift aus Heidelberg, wurden unwiederbringlich zerstört und eine weitere stark beschädigt.

„(…) he deliberately used the phrase ‘Missgeschick‘, while on Monday he said ‘Unglück‘“, berichtete ein „intimate friend of Prof. Mommsen“ in Ausgabe 2752 vom 24. Juli 1880 der britischen Zeitschrift „The Athenaeum“ über die Reaktion Mommsens auf den Brand in seiner Bibliothek. Auf S. 115 war unter dem Titel „Prof. Mommsens’s Library“ folgende Notiz zu lesen:
An intimate friend of Prof. Mommsen sends us the following details respecting the calamity which has befallen that eminent Scholar: „On my visit to-day, the 16th, I received full confirmation of what the papers announced. (…) His library must really be regarded as destroyed. The ancient manuscripts from foreign libraries which were in his hands are partly damaged, no doubt; but it would seem that they may be regarded as having as a body been practically saved. This was the case with the most important manuscript of Jordanis’s Gothic history, which he had edited for the ‘Monumenta Germaniae‘. The edition is ready printed. In the collection of Roman inscriptions the main loss is in South Italy, because it will not perhaps be possible to collect again all the materials. The collection of Swiss inscriptions is also lost, and Mommsen will at once undertake its reconstruction, and so soon as he can get away he will proceed to Switzerland – not, as the papers say, to North Italy. Mommsens’s MSS. of his lectures must be considered as destroyed, and they can only approximately be replaced from the note-books of his hearers. His collectanea are lost, and among these are unfortunately included those for the ‘Römisches Staatsrecht‘ and the Roman history, and most valuable critical materials collected for the edition of the oldest writers on German history. (…)
I sought out Mommsen the morning after the catastrophe, and found him very much depressed. All references to his vigour and mental freshness and the possible restoration of his library were of no avail. To-day he was quite different – of course grave, and still thinking much of the greatness of the mischance that has befallen him, but on the whole collected and absorbed in the immediately necessary exertions. Already it was pleasant to observe that he deliberately used the phrase ‘Missgeschick‘, while on Monday he said ‘Unglück‘
.“

Theodor Mommsen verfügte offensichtlich – modern gesprochen – über große Resilienz. Auch hatte der Verlust seiner Bibliothek und eines großen Teils seiner Forschungen eine Welle der Hilfsbereitschaft unter den Kollegen ausgelöst. Mit Bücherspenden unterstützten sie ihn bei der Fortsetzung seiner Arbeiten. Mommsens Edition von Jordanes‘ Gotengeschichte erschien 1882 als Band 5, 1 der von ihm gegründeten MGH-Reihe der Auctores antiquissimi. Im Vorwort schreibt Mommsen, dass er es nicht wage, den Bibliotheken zu danken, denen er ihre Bände nun nicht mehr zurückgeben könne. Die Edition des Jordanes, dieses „unglückselige Buch“, werde ihn, solange er lebe, an sein sehr trauriges Unglück erinnern (S. LXXIII). 1894 veröffentlichte er im zweiten Teil der Chroniken aus dem 4. bis 7. Jahrhundert auch seine Edition der Chronik des Marcellinus Comes. Arbeitsunterlagen zu dieser Edition, heute im MGH-Archiv, hatten den Brand überlebt.

Weltweite Bekanntheit erlangte Theodor Mommsen durch seine „Römische Geschichte“ in drei Bänden, veröffentlicht 1854, 1855 und 1856. Als “the greatest living master of the art of historical writing, with special reference to his monumental work, A history of Rome” wurde der 85-Jährige 1902 für dieses Werk mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt. Weitere Kandidaten für den Nobelpreis für Literatur 1902 waren Mark Twain, Henrik Ibsen, Emile Zola, Gerhard Hauptmann und Leo Tolstoi. Obwohl inhaltlich teilweise überholt, gilt die „Römische Geschichte“ von Theodor Mommsen wegen ihrer literarischen Qualität bis heute als Klassiker der Geschichtsschreibung.

Mommsen, Theodor (Hrsg.): Iordanis Romana et Getica (MGH Auctores antiquissimi 5,1). Berlin 1882

Chronik des Marcellinus Comes in: Mommsen, Theodor (Hrsg.): Chronica minora saec. IV. V. VI. VII. Band 2 (MGH Auctores antiquissimi 11). Berlin 1894, S. 37-104.

Athenaeum-Ausgabe vom 24.07.1880 in: The Athenaeum: A Journal of Literature, Science, the Fine Arts, Music, and the Drama 1880 (part 2)

Bresslau, Harry: Geschichte der Monumenta Germaniae historica im Auftrage ihrer Zentraldirektion. Hannover 1921, v.a. S. 538f.

10.07.2020 15:56