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Schätze der MGH

Schätze aus 200 Jahren MGH-Geschichte – Folge 12: Strategie oder Überzeugung?

MGH-Bibliothek Al 14305. Foto: MGH/Ingo Seufert

In loser Folge stellen wir Ihnen Stücke aus unserem Archiv und unserer Bibliothek vor. Hier finden Sie Raritäten wie auch Dokumente, die die Entwicklung der Monumenta Germaniae Historica prägten. Die MGH wünschen viel Spaß auf der Entdeckungsreise!

Bereits 1917 hätte er gewusst, „dass eine Reform der Monumenta an Haupt und Gliedern nötig sei“, schrieb Paul Fridolin Kehr in diesem Text, veröffentlicht 1935 in den Sitzungsberichten der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Mit einem Rückblick auf die Entwicklung der Zentraldirektion als Lenkungsgremium der MGH wollte der 75-jährige Leiter der MGH auf 32 Seiten seine Motive für die von ihm unterstützte Entmachtung des Gremiums darlegen, „die Summe von früheren Beobachtungen, die ich schon vor mehr als 20 Jahren gemacht und vertreten habe, und einer 15jährigen Erfahrung als Leiter des Unternehmens selbst, die mich je länger je mehr von der Notwendigkeit einer neuen Ordnung überzeugt hat (…)“. (Kehr, S. 14)

Der Text bietet einen unterhaltsamen Einblick in die MGH-Geschichte (ab S. 15); er besticht durch die Gewandtheit seiner Sprache und gleichzeitig hinterlässt er große Fragezeichen beim Leser: Wollte Kehr tatsächlich den Umbau der Monumenta zu einer autoritär geführten Institution? Wollte er eine präsidiale Struktur forcieren, die den neuen Machthabern (und Geldgebern!) entgegenkam? Nutzte er die Zeichen der Zeit für eine Umstrukturierung, die seiner Persönlichkeit mehr entsprach als die kollektive Führung durch eine Gelehrtenversammlung? Oder wollte er vielmehr mit seinen Eingaben an die NS-Regierung 1933 und 1934 einer Zerschlagung der MGH zuvorkommen?

Die Reorganisation der MGH wurde am 1. April 1935 durch eine neue Satzung vollzogen, erlassen vom Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, dem fanatischen NS-Mann Bernhard Rust. Der Name der neu geformten Einrichtung lautete „Reichsinstitut für ältere deutsche Geschichtskunde (Monumenta Germaniae historica)“; parallel zum „Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands“, einer NS-Einrichtung, gegründet 1935. Die Akademien in Berlin, Wien und München verloren ihren Einfluss auf die MGH, das Reichsinstitut unterstand nun einzig Reichswissenschaftsminister Rust. Der Text war somit nicht nur „Legitimationsschrift“ (Rader, S. 188), sondern sollte auch als Abschied und Würdigung der Preußischen Akademie dienen.

Über 17 Jahre prägte Paul Fridolin Kehr die Entwicklung der MGH, von 1919 bis 1936. Horst Fuhrmann, siebter Amtsinhaber nach Kehr, schätzte sein strategisches Handeln: „Kehrs Energie, seiner Übersicht, Geschmeidigkeit, Weltläufigkeit, auch Opferbereitschaft und was für Eigenschaften mehr anzurufen wären, ist es zu verdanken, dass die Monumenta die Durststrecke der Weimarer Zeit und des heraufkommenden Nationalsozialismus überwanden, als sogar an ihre Aufhebung gedacht war.“ (Fuhrmann, S. 58)

Einige Passagen des Kehr’schen Textes lesen sich wie ein persönliches Vermächtnis (v.a. Kehr, S. 29ff.). „Aber wer bemerkte da nicht den eigentümlichen Zusammenhang der wissenschaftlichen Entwicklung mit dem politischen Geschehen?“, schrieb Kehr in Bezug auf die Geschehnisse um Georg Heinrich Pertz (erster Leiter der MGH nach dem Gründer Freiherr vom Stein). Im selben Zusammenhang zitierte er Leopold von Rankes Einschätzung von Pertz: „Zuletzt ist er, wie man sagt, stumpf geworden. Das kann mich nicht hindern, die große Bedeutung seines Lebens anzuerkennen. Er war nicht genial, aber gediegen“, und fügte hinzu: „Ich für meine Person wäre glücklich, wenn mir ein solches Nachwort würde.“ (Kehr, S. 18)

Kehrs Ambivalenz bezüglich dem NS-Regime wird in seinen Briefen greifbar. So schrieb er zum Beispiel an den Historiker Hans Nabholz am 4. Januar 1934: „Wir gehen entweder mit schnellen Schritten einer ungeheuren Katastrophe entgegen oder einer durchgreifenden Umgestaltung unserer politischen und sozialen Institutionen, überall, in der ganzen Welt.“ (Abschrift in MGH-Archiv NLB 185)

Seinen Text für die Preußische Akademie schloss Kehr mit einer Beschwichtigung: „Am Ende ändert sich gar nicht so viel, als es auf den ersten Blick scheinen könnte. Denn die Devise der Monumenta Germaniae aus Steins Zeit bleibt die gleiche auch unter dem neuen Titel des ‚Reichsinstituts für ältere deutsche Geschichtskunde‘ und behält ihren wahren und unveränderten Sinn erst recht in der neuen Gestalt für heute wie für die Zukunft: Sanctus amor patriae dat animum.“ (Kehr, S. 34)

Ein Text, geschrieben aus strategischen Überlegungen, aus Überzeugung - oder vielleicht aus einer Gemengelage, die heute schwer nachvollziehbar ist?


Kehr, Paul Fridolin: Die Preussische Akademie und die Monumenta Germaniae und deren neue Satzung. Sonderausgabe aus den Sitzungsberichten der Preussischen Akademie der Wissenschaften, Phil.-hist. Klasse 20 (1935). (PDF)

Gedruckt in: Mittelalter lesbar machen. Festschrift 200 Jahre Monumenta Germaniae Historica, 2019, S. 191-215.

Fuhrmann, Horst: „Sind eben alles Menschen gewesen.“ Gelehrtenleben im 19. und 20. Jahrhundert. München 1996, S. 58ff. (PDF)


Mehr zu dieser MGH-Archivalie im Beitrag von Olaf B. Rader: Mittelalter lesbar machen. Festschrift 200 Jahre Monumenta Germaniae Historica, 2019, S. 188-190.

23.07.2020 11:35