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Schätze der MGH

Schätze aus 200 Jahren MGH-Geschichte - Folge 3: Eine 202 Jahre alte, ambitionierte Diskussionsgrundlage

MGH-Archiv B107. Foto: MGH/ Ingo Seufert

Während der Schließung unseres Instituts stellen wir Ihnen in loser Folge Stücke aus unserem Archiv und unserer Bibliothek vor. Hier finden Sie Raritäten wie auch Dokumente, die die Entwicklung der Monumenta Germaniae Historica prägten. Die MGH wünschen viel Spaß auf der Entdeckungsreise!

Mit der "Ankündigung einer Gesammt-Ausgabe der besten Quellen-Schriftsteller Deutscher Geschichten des Mittel-Alters" trat 1818 eine Idee an das Licht der Öffentlichkeit, die bereits seit Jahren von Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein (1757–1831) betrieben wurde: Er wollte einen Verein zur Bearbeitung mittelalterlicher Textquellen gründen. Vom Stein hatte den badischen Archiv-Assessor Karl Georg Dümgé (1772–1845) mit dem Entwurf eines Plans für das Großprojekt beauftragt. 1818 wurde „gegenwärtiger Aufruf an Deutschlands Gelehrten, der anspruchlose Entwurf eines Planes zur Beurtheilung und Berichtigung und endlich die Bitte um entsprechende warme Theilnahme“ gedruckt und verschickt.

Der bayerische Gesandte im Bundestag, Johann Adam Freiherr von Aretin, beurteilte das Projekt folgendermaßen: „Das beabsichtigte Unternehmen ist so schön, daß jeder Deutsche, dem die Geschichte seines Vaterlandes werth ist, sich beeifern sollte, dazu beizutragen. Es ist aber zugleich so groß, daß es nur dann gelingen kann, wenn ein wohl bemessener, scharf bezeichneter Plan mit fester Beharrlichkeit, unter Einwirkung günstig zusammentreffender Umstände, streng befolgt wird.“ So führte er seine „Bemerkungen über die Ausgabe der Quellenschriftsteller der deutschen Geschichte des Mittelalters“ ein, in denen er – kurz und knapp –seine wichtigsten Kriterien für Methodik und weiteres Vorgehen umriss.

Im Vergleich zu den Anmerkungen Aretins liest sich die Ankündigung Dümgés selbst eher mühsam. Man bekommt den Eindruck, dass der Verfasser seine Gelehrsamkeit mithilfe gedrechselter Formulierungen zeigen wollte.

Leseprobe gefällig?
Zur geplanten Bearbeitungsweise schreibt Dümgé: „1) So viel möglich Vergleichung der Handschriften, so viel ihrer nur zu haben. (…) Es liegen aber auch 2) noch manche ungebrauchte, noch manche ganz unbekannte Handschriften verborgen, deren Hervorziehung bei dieser Gelegenheit ebenfalls zu wünschen und zu hoffen ist. Eine kritisch gegebene Anzeige derselben würde zunächst bald ausweisen, ob davon reine Ausbeute zu erwarten und eine Vergleichung mit dem Vorhandenen, womit so viele Gelehrten zugleich beschäftigt sind, würde bald ergeben, in wie weit es wirklich der Fall sei. 3) Vergleichung der Ausgaben, nicht nur unter sich, sondern auch mit den gegebenen Handschriften. Denn mehrere, ja die meisten, besonders die ältern, Sammler haben ihre Handschrift, oder Handschriften gar nicht bezeichnet, und es kann daher eine Ausgabe richtiger sein, als eine Handschrift, was aber nur nach sorgfältiger Vergleichung entschieden werden mag. Übrigens muß jeder gelehrte Mitarbeiter die von einem Schriftsteller vorhandenen gedruckten Ausgaben zur Einsicht und Vergleichung sich selbst zu verschaffen suchen, wozu in Deutschlands zahlreichen, wohl versehenen Bibliotheken die Gelegenheit nicht fehlet. Nur bei notorisch seltenen Ausgaben und Ausnahmsweise, wird sich die Direction dafür verwenden. (…)“ (S. 15f)

Am ausführlichsten ging Dümgé auf die „zu durchmusternden Quellen-Schriften“ ein. Sein Editionsplan basierte auf dem „Hamberger‘schen Directorium“, einer chronologischen Quellenübersicht, die Anfang des 17. Jahrhunderts entstanden und mehrfach überarbeitet worden war. Für das riesen Projekt sah Dümgé einen Umfang von 20 Bänden in Großoktav mit jeweils rund 700 Seiten vor. Dazu Aretin: „In jedem Falle glaube ich, daß wenn nach obigem schon größtentheils aus dem vorgelegten Plane selbst fließenden Bemerkungen verfahren, und das Werk nicht gegen seinen Zweck zu sehr beschränkt wird, der Umfang von zwanzig Folio-Bänden wohl lange nicht hinreichen werde.“(S. 99) 200 Jahre später (und über 400 Bände mehr) wissen wir, dass der bayerische Staatsmann definitiv Recht hatte.

Auch wenn Aretin nicht der einzige war, der Kritik äußerte: Dümgé schuf mit seiner „Ankündigung“ die notwendige Diskussions-Grundlage – modern gesprochen – für die Gründung der Monumenta Germaniae Historica im Jahr 1819.

Dümgé, Karl Georg: Ankündigung und Plan-Entwurf einer Sammlung der Quellen deutscher Geschichte des Mittelalters. An Deutschlands gelehrtes und gebildetes Publikum. Mai 1818. (PDF)
Ediert in: Mittelalter lesbar machen. Festschrift 200 Jahre Monumenta Germaniae Historica, 2019, S. 95-117.

Aretin, Johann Adam Freiherr von: Bemerkungen über die Ausgabe der Quellenschriftsteller der deutschen Geschichte des Mittelalters, in: Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde 1 (1820), S. 91-101. (digizeitschriften.de)

Mehr zu dieser MGH-Archivalie im Beitrag von Horst Zimmerhackl: Mittelalter lesbar machen. Festschrift 200 Jahre Monumenta Germaniae Historica, 2019, S. 92-94.

24.03.2020 15:01