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Schätze der MGH

Schätze aus 200 Jahren MGH-Geschichte - Folge 4: Freiherr vom Stein langweilte sich

Autograph von Heinrich Friedrich Karl
Reichsfreiherr vom und zum Stein. MGH-Archiv 100,15

Gedruckte Statute 12.06.1819. MGH-Archiv B 100,15

Während der Schließung unseres Instituts stellen wir Ihnen in loser Folge Stücke aus unserem Archiv und unserer Bibliothek vor. Hier finden Sie Raritäten wie auch Dokumente, die die Entwicklung der Monumenta Germaniae Historica prägten. Die MGH wünschen viel Spaß auf der Entdeckungsreise!

„Als der Freiherr Karl vom Stein zu Ende des Mai 1815 den Wiener Kongreß verließ und seine rheinfränkische Heimat wieder aufsuchte, war er entschlossen, sich aus dem Staatsdienste zurückzuziehen.“ Mit diesem Satz beginnt Harry Bresslau seine „Geschichte der Monumenta Germaniae historica“, veröffentlicht 1921; und mit diesem Rückzug von Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein beginnt die Geschichte der MGH.

Lesen wir, was der 1757 in Nassau an der Lahn geborene Reichsfreiherr vom Stein selbst dazu schrieb: „Ich trat in den neuen Abschnitt des Lebens mit der Lösung zweier Aufgaben, der Geschäftslosigkeit und der des Alters. Die Leere, so aus der ersteren entstand, suchte ich auszufüllen durch Wissenschaft; ich wählte deutsche Geschichte, zum Teil veranlaßt durch den Unterricht, den ich darin meiner jüngsten Tochter gab, und durch das wieder erweckte Nationalinteresse. Das Studium der deutschen Geschichtsquellen machte mir die Unvollkommenheit ihrer bisherigen Sammlungen bemerklich und veranlaßte mich, die Idee eines Vereins zur Bearbeitung der Quellenschriftsteller in das Leben zu bringen.“ (zitiert nach Bresslau, S. 4)

Vom Stein, ehemaliger Minister, einflussreicher politischer Berater und rastloser Reformer, machte keine halben Sachen. Eigenhändig entwarf er die Statuten für den geplanten Verein. „Es bildet sich ein Verein zur Beförderung einer Gesamt Ausgabe der Quellen Schriftsteller deutscher Geschichten des Mittelalters, der seinen Sitz in Frankfurt hat“ notierte vom Stein in seiner markanten Schrift in vorliegendem Entwurf und weiter: „Die Mitglieder des Vereins verbinden sich jenen Zweck zu befoerdern, theils durch Geldbeiträge, theils durch eine dem festgesetzten Plane gemäße Bearbeitung der Quellen Schriftsteller (…)“ Das Autograph ist die zweite eigenhändige Fassung vom Steins; die erste, mit vielen Korrekturen versehen, wird im Goethe-Museum in Frankfurt aufbewahrt.

Nach der konstituierenden Sitzung der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde am 20. Januar 1819, zu der sich die vier Bundestagsgesandten Johann Adam Freiherr von Aretin aus Bayern, Karl Christian Freiherr von Berckheim aus Baden, Leopold Engelke Hartwig von Plessen aus Mecklenburg und Karl August Freiherr von Wangenheim aus Württemberg auf Betreiben des Freiherrn vom Stein um 14 Uhr in seiner Frankfurter Wohnung versammelt hatten, wurde in den folgenden Monaten der organisatorische Rahmen geschaffen. Die Statuten, veröffentlicht am 12. Juni 1819, tragen zu einem großen Teil die Handschrift des energischen Gründers der MGH. Auf diesen Statuten taucht auch zum ersten Mal im Eichenkranz der Wahlspruch des neu gegründeten Vereins auf: „Sanctus amor patriae dat animum“, geboren aus der nationalen Aufbruchsstimmung der Zeit.

Was Tochter Therese, die mit 24 Jahren ihren Cousin mütterlicherseits heiratete, mit ihren Geschichtskenntnissen anfing, ist nicht überliefert.

Bresslau, Harry: Geschichte der Monumenta Germaniae historica im Auftrage ihrer Zentraldirektion. Hannover 1921

Mehr zu dieser MGH-Archivalie im Beitrag von Stefan Petersen: Mittelalter lesbar machen. Festschrift 200 Jahre Monumenta Germaniae Historica, 2019, S. 118-123.

02.04.2020 14:15