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Schätze der MGH

Schätze aus 200 Jahren MGH-Geschichte - Folge 5: War Friedrich Barbarossa der Täufling oder der Pate?

MGH-Archiv B 113/17 Bl. 8*. Foto: MGH/ Ingo Seufert

Während der Schließung unseres Instituts stellen wir Ihnen in loser Folge Stücke aus unserem Archiv und unserer Bibliothek vor. Hier finden Sie Raritäten wie auch Dokumente, die die Entwicklung der Monumenta Germaniae Historica prägten. Die MGH wünschen viel Spaß auf der Entdeckungsreise!

1820 richtet Johann Wolfgang von Goethe als Ehrenmitglied eine Anfrage an den Sekretär der neugegründeten Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde – die heutigen MGH – und will wissen, ob seine Lesart und Deutung der Inschrift auf einer kostbaren silbernen Schale, auf der eine Taufe dargestellt ist, richtig sei. Seiner Anfrage legt er eine Zeichnung mit Beschreibung, Transkription der Inschriften sowie einigen historischen Daten bei. Die Schale befindet sich zu dem Zeitpunkt im Besitz der Weimarer Erbgroßherzogin Maria Pawlowna, und Goethe erwartet wissenschaftlichen Beistand, auch um die Großherzogin zu erfreuen. „Möge diese Anfrage nicht ungeneigt aufgenommen und ich der verehrten Gesellschaft aufs neue empfohlen sein“, schreibt er, nicht ahnend, was er mit seiner Anfrage auslöst.

In der Zeitschrift der frisch gegründeten Gesellschaft bricht eine Diskussion um Lesart der Inschrift und daraus folgende Zuweisungen aus. Später notiert Goethe, seine Anfrage gebe „zu einer höchst erfreulichen Unterhaltung Anlass; denn anstatt dass wir mit Gewissheit erfahren wer der Pate und wer der Täufling gewesen, können die Meister des Fachs unter einander nicht einig werden, und es lassen sich schon vier bis fünf verschiedene Meinungen aufstellen.“

Hier ein Einblick in die gelehrte Diskussion, beispielhaft um die Auflösung der Kürzung DO in der äußeren Umschrift (oben links neben dem Kreuz):

Die von Goethe vorgeschlagene Transkription der Inschrift lautet:
Cesar et Augustus haec Ottoni Fridericus
Munera patrino contulit ille donum

1821 schreibt Karl Georg Dümgé: „Übrigens muss in der Umschrift für donum dono gelesen werden“ (Über eine silberne Schale, S. 460). Seine Einschätzung wird zunächst geteilt von Georg Friedrich Grotefend, der jedoch korrigiert seine Lesart in einem Nachtrag auf domo (ebd. S. 467).

In der nächsten Ausgabe der Zeitschrift 1822 kommentiert Ludwig Moser „(…) das letzte Wort, daß dort donum gelesen worden war, [hatte ich] Deo [gelesen]“ (Auch ein Wort, S. 272). In der gleichen Ausgabe bietet allerdings Anton Christian Wedekind eine Interpretation auf Grundlage der Lesart dono (Zur Erklärung, S. 275).

Befremdlich erscheint, wie Dümgé als Herausgeber in zahlreichen Anmerkungen die Beiträge mit seinen Kommentaren versah und auf diese Weise immer das letzte Wort hatte. Der heutige Leser könnte dies als Besserwisserei empfinden – wie mag es den Verfassern der Beiträge vor 200 Jahren gegangen sein? Ab Band fünf gab Georg Heinrich Pertz die Zeitschrift mit einer streng methodischen Struktur heraus. Erörterungen über die silberne Taufschale hatten darin keinen Platz mehr.

Wer war denn nun der Täufling und wer der Pate?
Die silberne Taufschale, heute im Bestand des Berliner Kunstgewerbemuseums, wird auf der Online-Plattform Kunstindex des Deutschen Dokumentationszentrums für Kunstgeschichte als „Taufschale von Friedrich Barbarossa mit Otto Graf von Cappenberg“ vorgestellt.
Die innere Umschrift lautet: QVEM LAVAT UNDA FORIS HOMINIS MEMOR INTERIORIS VT SIS Q(u)OD N(on) ES ABLVE T(er)GE Q(u)OD ES (Du, den das Wasser von außen reinigt, sei des inneren Menschen eingedenk; damit du werdest, was du nicht bist, wasche ab und reinige, was du bist). Die äußere Umschrift lautet: CESAR ET AVGVSTVS HEC OTTONI FRIDERICVS MVNERA PATRINO CONTVLIT ILLE DEO (Friedrich, Kaiser und Mehrer des Reiches, hat diese Geschenke seinem Paten Otto überreicht, jener weihte sie Gott).



Dümgé, Karl Georg/ Grotefend, Georg Friedrich: Über eine silberne Schaale, welche von Ihrer Kaiserlichen Hoheit der Durchlauchtigsten Frau Erbgroßherzogin von Sachsen-Weimar aus der Sammlung des verstorbenen Chorherrn Pick zu Cölln erkauft, und den Weimarschen Sammlungen zugesellet worden, Mittheilung des Hrn. Geh. Raths von Goethe in Weimar, erläutert von C. G. Dr. Dümge und Professor Dr. Grotefend, in: Archiv der Gesellschaft für Ältere Deutsche Geschichtkunde  3 (1821), S. 454-469. (digizeitschriften.de)

Moser, Ludwig: Auch ein Wort über die silberne Schale zu Weimar, in: Archiv der Gesellschaft für Ältere Deutsche Geschichtkunde  4 (1822), S. 271-274. (digizeitschriften.de)

Wedekind, Anton Christian: Zur Erklärung der silbernen Schale in Weimar, in: Archiv der Gesellschaft für Ältere Deutsche Geschichtkunde  4 (1822), S. 274-276. (digizeitschriften.de)

Goethe, Johann Wolfgang von: Die Jahre 1820 – 1826, hg. von Gisela Henckmann und Irmela Schneider, 1992, S. 13-18, S. 143-452 (Kommentar mit Abdruck der Begleitbriefe).

Mehr zu dieser MGH-Archivalie im Beitrag von Arno Mentzel-Reuters: Mittelalter lesbar machen. Festschrift 200 Jahre Monumenta Germaniae Historica, 2019, S. 132-141.

 

07.04.2020 15:10