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Schätze der MGH

Schätze aus 200 Jahren MGH-Geschichte - Folge 6: Goethe und die MGH

MGH-Archiv B 113/17 Bl. 5-6*

Fotos: MGH/ Ingo Seufert

Während der Schließung unseres Instituts stellen wir Ihnen in loser Folge Stücke aus unserem Archiv und unserer Bibliothek vor. Hier finden Sie Raritäten wie auch Dokumente, die die Entwicklung der Monumenta Germaniae Historica prägten. Die MGH wünschen viel Spaß auf der Entdeckungsreise!

Dass sich der große Dichter und Naturforscher Johann Wolfgang von Goethe nur bedingt zum Mitarbeiter eignete, sollten die Monumentisten schnell merken. „Ich wünschte, Herr Geheimrat Goethe hätte das ‚ehrende Verhältnis, welches eine hochansehnliche Gesellschaft ihm zu gönnen geruht‘ benutzt, um uns ein Verzeichnis der zu Jena befindlichen Handschriften zu schicken, worum er bereits ersucht worden“, kommentierte Stein am 6. April 1820 die gerade eingetroffene Briefsendung Goethes, in der dieser es vorzog, Erkundigungen über die sogenannte Cappenberger Taufschale einzuholen (siehe Folge 5; Stein-Zitat nach Bresslau, S. 81, Anm. 1).

Handschriftenverzeichnisse wie das, was Goethe der neugegründeten Gesellschaft liefern sollte, waren eine wichtige Grundlage für das geplante Editionsunternehmen. Der Dichter hatte allerdings eigene Pläne, wie er selbst in seinem Schreiben vom 1. April 1819, auf das sich Stein bezog, andeutete: Seine Absicht war, das „ehrenvolle Verhältnis, welches eine hochansehnliche Gesellschaft mir zu gönnen geruht, sowohl für mich zu benutzen als auch vielleicht zu gleicher Zeit zu Ihren hohen Zwecken einigermaßen mitzuwirken“. Zuarbeiten wie das Erstellen eines Handschriftenverzeichnisses waren wohl weniger nach Goethes Geschmack.

Anlässlich seines 70. Geburtstag am 28. August 1819 hatte die Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde – die heutigen MGH – den berühmten Dichter zum Ehrenmitglied ernannt. Goethe freute sich über die Auszeichnung und vermerkte sie in seinem Tagebuch. Sein ausführliches Dankesschreiben an die Direktion von 5. Oktober 1819 liegt in einer von Johann Lambert Büchler, den Sekretär der Gesellschaft, beglaubigten Abschrift im MGH-Archiv. Darin beschreibt Goethe selbst, wie er zum MGH-Mitarbeiter wurde: „Als im Sommer 1815, des Herrn Staatsminister von Stein Excellenz in Nassau aufzuwarten und mit einem so würdigen Freunde und Gönner eine kurze  Rhein-Reise zu vollbringen [ich] das Glück genoß, machte mich derselbe mit einem Plane bekannt, wonach zu Bearbeitung älterer deutscher Geschichtskunde, eine Gesellschaft wohl zusammentreten würde; auch erhielt ich nachher einen umständlichen Aufsatz hierüber, den ich mit älteren und jüngeren Freunden, mündlich und schriftlich behandelte und, da ich neu in diesem Fache, [mir] weder hinreichende Kenntnis, noch Beurtheilung zutrauen darf, ihre Meinung vernahm, ihre Gesinnung erforschte (…).“

Die neue Beschäftigung reizte Goethe, wie auch diese Notiz zeigt: „Indem ich nun ihre (der Gesellschaft) Forderungen näher betrachtete und welche Teilnahme sie allenfalls auch von mir wünschen konnte, so ging mir der Gedanke bei, es möchte wohl auch ein Vorteil sein, in späteren Jahren bei höherer Ausbildung in ein neues Fach gerufen zu werden.“ (zitiert nach Bresslau, S. 82, Anm. 2). Als erstes fertigte er eine Abschrift eines mittelhochdeutschen Gedichts aus der berühmten Jenaer Liederhandschrift an, die in der Zeitschrift der Gesellschaft abgedruckt wurde. Danach machte sich Goethe an Handschriftenbeschreibungen nach einem selbstentworfenen Schema, laut Horst Fuhrmann "ein durchdachtes und auch für heutige Augen durchaus akzeptables Formular der Handschriftenbeschreibung" (Fuhrmann, S. 25). Zudem ließ Goethe durch den Bibliotheksschreiber David Compter Faksimiles von Handschriften anfertigen. Im Februar 1823 endete die Zusammenarbeit mit Goethe, nachdem die Gesellschaft die Entlohnung Compters nicht gewährleisten konnte und der 28-jährige Georg Heinrich Pertz begann, die MGH zu professionalisieren.

Neben dem abgebildeten Brief sind 17 weitere Archivalien aus dem Schriftwechsel Goethes mit der Gesellschaft im MGH-Archiv (Signatur B 113/17) erhalten, darunter mehrere Stücke mit eigenhändiger Unterschrift des Dichters, digitalisiert in: Johann Wolfgang von Goethe: Briefe an die Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde; die Antwort Goethes auf die Ehrenmitgliedschaft vom 5.10.1819 siehe PDF S. 5-7; ein Beispiel für das von Goethe entwickelte Schema zur Handschriftenbeschreibung siehe PDF S. 65.

Goethe, Johann Wolfgang von: Lob- und Spottgedicht auf K. Rudoph von Habsburg, in: Archiv der Gesellschaft für Ältere Deutsche Geschichtkunde 2 (1820), S. 388-390. (digizeitschriften.de)

Tagebucheintrag Goethes zum 9. September 1918 auf zeno.org

Bresslau, Harry: Geschichte der Monumenta Germaniae historica im Auftrage ihrer Zentraldirektion. Hannover 1921, S. 81-84.

Fuhrmann, Horst: „Sind eben alles Menschen gewesen.“ Gelehrtenleben im 19. und 20. Jahrhundert. München 1996, S. 20-26.

Mehr zu dieser MGH-Archivalie im Beitrag von Arno Mentzel-Reuters: Mittelalter lesbar machen. Festschrift 200 Jahre Monumenta Germaniae Historica, 2019, S. 132-141.

20.04.2020 15:09