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Schätze der MGH

Schätze aus 200 Jahren MGH-Geschichte – Folge 7: König Max von Bayern erteilt Erlaubnis

MGH-Archiv B 851,2. Foto: MGH/ Ingo Seufert

Während der Schließung unseres Instituts stellen wir Ihnen in loser Folge Stücke aus unserem Archiv und unserer Bibliothek vor. Hier finden Sie Raritäten wie auch Dokumente, die die Entwicklung der Monumenta Germaniae Historica prägten. Die MGH wünschen viel Spaß auf der Entdeckungsreise!

Bekanntlich befinden sich die MGH erst seit 75 Jahren unter der Obhut des Freistaates Bayern. Doch bereits bei der Gründung war federführend ein Bayer involviert: Der Jurist, königlich bayerische Minister und Bundestagsgesandte Johann Adam Freiherr von Aretin gründete als einer von fünf Staatsmännern auf Initiative des ehemaligen preußischen Staatsministers Heinrich Friedrich Karl Freiherr vom und zum Stein am 20. Januar 1819 in dessen Frankfurter Wohnung die „Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde“, die späteren Monumenta Germaniae Historica. Aretin, der auch Ehrenmitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften war, ist der Adressat der hier abgebildeten Archivalie.

Seit 1788 machte der aus Ingolstadt gebürtige Adam Freiherr von Aretin eine bemerkenswerte Karriere im bayerischen Staatsdienst; unter anderem betraute man ihn mit der Aufgabe des Generalkommissars für das 1802 in der Säkularisation an Bayern gefallene Fürstentum Freising. 1817 wurde Aretin zum bayerischen Bundestagsgesandten ernannt. Der Staatsmann nutzte seine Erfahrungen mit der Schaffung von Organisationsstrukturen, um das Unternehmen MGH „funktionstüchtig“ zu machen. Auf seinen konstruktiv kritischen Kommentar 1820 zur „Ankündigung einer Gesamtausgabe der deutschen Quellen-Schriftsteller“ wurde in Folge 3 eingegangen.

Aretin bemühte sich von Anfang an, die Politik mit einzubeziehen. Unter seinem stellvertretenden Vorsitz – Freiherr vom Stein war abwesend – beschloss die Zentraldirektion der neuen Gesellschaft am 12. Juni 1819, die erwähnte „Ankündigung“ (siehe Folge 3) und die Statuten (siehe Folge 4) zusammen mit einer „Denkschrift“ der Bundesversammlung zu überreichen. Ganz im Sinne des 1815 begründeten Deutschen Bundes machte die Zentraldirektion in dieser Denkschrift deutlich, dass nun der richtige Zeitpunkt für das geplante Riesenunternehmen gekommen sei „durch die Herstellung der Ruhe in unserm von so manchen Stürmen erschütterten Vaterlande (...)“, denn „die Aussicht auf eine friedliche Zukunft gestattete jetzt wieder, an umfassendere wissenschaftliche Unternehmungen mit einiger Sicherheit zu denken (…)“. Allerdings ließe sich ohne „begünstigende Theilnahme und Unterstützung der Regierungen“ manches Hindernis für das geplante Unternehmen nicht aus dem Weg räumen. Man appellierte an den „humanen, echte Wissenschaft ehrenden und begünstigenden Geiste unserer Fürsten“, die Benutzung ihrer Bibliotheken und Archive zu gestatten und die Beteiligung ihrer Gelehrten zu befürworten. Aretin selbst übergab am 12. August 1819 die Dokumente der Bundesversammlung in Frankfurt.

Nach dem einstimmigen Beschluss der Bundesversammlung, dieses „für die vaterländische Geschichte wichtige Unternehmen dahin zu empfehlen, daß Sie das verdienstvolle Unternehmen Ihres hohen Schutzes würdigen, die gebetene Unterstützung demselben gewähren (…)“, forcierte Aretin am 18. August die königlich bayerische Willensbekundung durch einen ausführlichen „Immediatbericht“ an seinen obersten Dienstherrn König Max. Er hatte Erfolg: Das „Staatsministeriums des königlichen Hauses und des Äußeren“ setzte am 22. November 1819 das königliche allgemeine Reichsarchiv, das Staatsministerium des Innern, die königliche Akademie der Wissenschaften, die akademischen Senate der königlichen Universitäten zu Landshut und Erlangen und die Universitätskuratel zu Würzburg von dem Beschluss in Kenntnis, dass
1) Seine Majestät den Beitritt in diesen Verein ausdrücklich bemerken,
2) Seine Majestät es wohlgefällig aufnehmen, wenn insbesondere die königlichen Archivarien das Unternehmen unterstützen,
3) Seine Majestät genehmigen, „dass dieses Unternehmen auch von Seiten Allerhöchst Ihrer Akademie der Wissenschaften und der Universitäten, jede thunliche Unterstützung erhalte (…).“

Und hier kommt nun unsere Archivalie ins Spiel. Der Generalsekretär der Akademie, Adolph Heinrich Friedrich von Schlichtegroll, schickte am 18. November 1820 – ein Jahr nach der Willensbekundung von König Max –, „akademische Diplome für die Herren Büchler und Dümgé“ an Aretin und bat um Weitergabe an Karl Georg Dümgé, den Redakteur, und Johann Büchler, den Sekretär der Gesellschaft, die zu korrespondierenden Mitgliedern der Bayerischen Akademie der Wissenschaften ernannt wurden. Schlichtegroll war auch der Motor für eine private Vereinigung von Gelehrten in München, die der neuen Gesellschaft in Frankfurt zuarbeiteten. Nach dem Tod Schlichtegrolls im Dezember 1822 schlief diese Vereinigung ein. „Immerhin gehören die aus diesen Münchener Zusammenkünften hervorgegangenen Verzeichnisse, Aufsätze und Vergleichungen zu dem Besten unter dem im übrigen recht ungleichwertigen Material, das der Gesellschaft in dieser Art während der ersten Jahre ihrer Wirksamkeit zuging.“ (Bresslau, S. 81)

Die königlich bayerische Akademie der Wissenschaften in München hingegen sah sich nicht in der Pflicht: In der historischen Klasse der Akademie erklärte der Klassensekretär, das Anliegen der Gesellschaft gehe nur die Bibliothek, nicht die Akademie an.

Denkschrift, in: Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde 1 (1820), S. 73-79. (digizeitschriften.de)

Auszug des Protokolls der 29. Sitzung der hohen deutschen Bundes-Versammlung, vom 12. August 1819, in: Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde 1 (1820), S. 89f. (digizeitschriften.de)

Aufnahme und Würdigung des Unternehmens der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde, zur Beförderung einer Gesammtausgabe der Quellenschriften deutscher Geschichte des Mittelalters, in den Königreichen Baiern und Württemberg, in: Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde 1 (1820), S. 154-156. (digizeitschriften.de)

Bresslau, Harry: Geschichte der Monumenta Germaniae historica im Auftrage ihrer Zentraldirektion. Hannover 1921

Mehr zu dieser MGH-Archivalie im Beitrag von Martina Hartmann: Mittelalter lesbar machen. Festschrift 200 Jahre Monumenta Germaniae Historica, 2019, S. 142-145.

04.05.2020 17:33