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Schätze der MGH

Schätze aus 200 Jahren MGH-Geschichte – Folge 8: Auf der Suche nach Sponsoren

Erste Seite der Subskribentenliste. MGH-Bibliothek 20 C 20-1, S. V.
Foto: MGH/ Ingo Seufert

Während der Schließung unseres Instituts stellen wir Ihnen in loser Folge Stücke aus unserem Archiv und unserer Bibliothek vor. Hier finden Sie Raritäten wie auch Dokumente, die die Entwicklung der Monumenta Germaniae Historica prägten. Die MGH wünschen viel Spaß auf der Entdeckungsreise!

Zur Finanzierung des ersten Editionsbands mit Annalen und Chroniken aus karolingischer Zeit (MGH Scriptores in Folio 1) verschickte die Gesellschaft im Februar 1825 einen Subskriptionsaufruf in 5000 Exemplaren an Adressaten in ganz Europa. Auf Betreiben der Gesellschaft hatten die Gesandten der Mitgliedsstaaten des Deutschen Bundes mehrfach ihren Regierungen die Unterstützung des Unternehmens MGH empfohlen. Vom Stein rechnete fest mit der Unterstützung des deutschsprachigen Adels. Ausgehend von seiner eigenen Haltung war der Adlige überzeugt davon, dass die geplanten Quellen-Editionen im Interesse der gesamten Aristokratie sein müssten – womit er sich gewaltig täuschte.

Die Interessen der Herrscher von größeren Territorien im Deutschen Bund standen im Gegensatz zu dem Interesse vieler kleinerer Adelshäuser, die durch den Reichsdeputationshauptschluss von 1803 Rechte verloren hatten. Wollte die Aristokratie in kleinen und mittleren Territorien durch den Rückgriff ins Mittelalter ihre Position verbessern? Diesen Verdacht äußerte zum Beispiel König Wilhelm I. von Württemberg, der sich unsicher war, ob das Unternehmen „jedem Parteiinteresse fremd nur wissenschaftlichen Zwecken diene“ oder ob durch das geplante Unternehmen „die Privilegien des Feudalismus“ urkundlich belegt werden sollten (zitiert nach Bresslau, S. 56). Auch persönliche Animositäten spielten eine Rolle. Der preußische Staatskanzler Karl August von Hardenberg war kein Freund des Freiherrn vom Stein und stand deshalb dem Unternehmen MGH abwehrend gegenüber. Das Königreich Bayern und die kaiserliche Regierung in Wien reagierten überhaupt nicht auf die Empfehlungen ihrer Gesandten zu finanzieller Unterstützung der MGH. Der Geist des Patriotismus, der das Unternehmen umwehte und der sich in seinem Leitspruch „Sanctus amor patriae dat animum“ (die heilige Liebe zum Vaterland verleiht die Kraft) wiederspiegelte, roch vielen Regierungen zu sehr nach revolutionären Umtrieben.

Von den einen als reaktionär, von den anderen als revolutionär verdächtigt, waren die MGH in den ersten zehn Jahren daher auf die privaten Spenden vom Steins selbst, seiner Freunde und einzelner wohlgesonnener Adliger angewiesen. Der Gründer der MGH klagte in seinen Briefen über „den erbärmlichen Philistersinn in der guten Germania“ (zitiert nach Bresslau, S. 65). Allerdings hatte er selbst in Fehleinschätzung der Situation im Dezember 1819 finanzielle Unterstützung aus Russland und sogar ein Angebot seines Gönners, des russischen Zaren Alexander, abgewiesen: „Es wäre denn doch demütigend, wenn wir zu diesem unserem Plane der Ausgabe deutscher Geschichtsquellen die Hilfe eines Russen nötig hätten“, schrieb vom Stein an Büchler (zitiert nach Bresslau, S. 27). Auch die Unterstützung Frankfurter Bankiers und Kaufleute wollte er nicht in Anspruch nehmen. „Meine erste Idee war immer, dass es allein durch Beiträge von westfälischen Gutsbesitzern ohne Zutun irgendeiner Regierung und von Kaufleuten ausgeführt werden sollte“, bekannte vom Stein 1820 in einem Brief an Staatsrat von Merian, der den bedeutenden Frankfurter Bankier Simon Moritz von Bethmann für das Unternehmen MGH gewinnen wollte (zitiert nach Bresslau, S. 28, Anm. 1).

Im ersten, 1826 erschienen Editionsband der Monumenta Germaniae Historica ist das insgesamt acht Seiten umfassende Verzeichnis der Subskribenten abgedruckt – sozusagen das Ergebnis der ersten Sponsoring-Kampagne der MGH. Ins Auge sticht der englische König Georg VI., in Personalunion König von Hannover, der 24 Exemplare der Luxusausgabe in feinem Papier vorbestellte; im Gegensatz dazu subskribierte der Kaiser von Österreich genau ein Exemplar der einfachen Ausgabe in gewöhnlichem Papier. Der österreichische Staatskanzler Fürst von Metternich ließ eine einfache Ausgabe über den Buchhändler Schalbacher subskribieren. Der König von Bayern bestellte sechs Bände der Luxusausgabe, ließ allerdings 1830 zwei den MGH zurückgeben, da die Bayerische Staatsbibliothek und die Universitäten in München und Erlangen bereits auf eigene Kosten den Band angeschafft hatten. Insgesamt wurden 417 Bücher vorbestellt. Neben 22 Regenten, einer Gräfin und drei Reichstädten sind namentlich 203 weitere Subskribenten aufgeführt, darunter 131 Buchhändler und Buchhandlungen – was uns heute normal vorkommt, von Freiherr vom Stein jedoch ganz anders geplant war.
 

Bresslau, Harry: Geschichte der Monumenta Germaniae historica im Auftrage ihrer Zentraldirektion. Hannover 1921, v.a. S. 52ff.

Fuhrmann, Horst: „Sind eben alles Menschen gewesen.“ Gelehrtenleben im 19. und 20. Jahrhundert. München 1996, S. 14ff.

Mehr zu dieser MGH-Archivalie im Beitrag von Anna Claudia Nierhoff: Mittelalter lesbar machen. Festschrift 200 Jahre Monumenta Germaniae Historica, 2019, S. 146-156.

28.05.2020 15:49