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Schätze der MGH

Schätze aus 200 Jahren MGH-Geschichte – Folge 9: Der schwere Weg vom Gelehrtenverein zur Wissenschaftseinrichtung

MGH-Archiv 338/38. Foto: MGH/ Ingo Seufert

Während der Schließung unseres Instituts stellen wir Ihnen in loser Folge Stücke aus unserem Archiv und unserer Bibliothek vor. Hier finden Sie Raritäten wie auch Dokumente, die die Entwicklung der Monumenta Germaniae Historica prägten. Die MGH wünschen viel Spaß auf der Entdeckungsreise!

„Hierauf wurde zur Wahl des Vorsitzenden geschritten und Herr Waitz mit 8 Stimmen zum Vorsitzenden erwählt“ liest man unter § 13 des Protokolls der Sitzungen der Zentraldirektion von 7. bis 11. April 1875. Was so nüchtern klingt, ist der Schlusspunkt einer langen verwickelten Geschichte, der es nicht an Dramatik fehlt.

1842 war die Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde (die heutigen MGH) von Frankfurt nach Berlin umgezogen, weil deren Leiter Georg Heinrich Pertz Oberbibliothekar der königlichen Bibliothek in Berlin geworden war. Seitdem fanden Sitzungen der Zentraldirektion in Berlin statt – so auch die konstituierende Sitzung im April 1875. Führende deutschsprachige Geschichtswissenschaftler tagten: die in Berlin ansässigen Georg Heinrich Pertz und Theodor Mommsen, der aus Göttingen angereiste Georg Waitz, Karl Friedrich Stumpf-Brentano aus Innsbruck, Theodor Sickel aus Wien, Wilhelm von Giesebrecht aus München, Karl von Hegel aus Erlangen und Protokollführer Ludwig Heinrich Euler aus Frankfurt am Main.

Georg Heinrich Pertz, der wenige Tage zuvor seinen 80. Geburtstag gefeiert hatte, hatte noch zu Lebzeiten vom Steins 1824 „die literarische Leitung des Unternehmens“ von der Zentraldirektion übertragen bekommen und in enger Zusammenarbeit mit dem befreundeten Johann Friedrich Böhmer auf Erfolgskurs gebracht. Auch materiell hatte das Duo Pertz-Böhmer die MGH mithilfe einer klug vorgebrachten Eingabe in der Frankfurter Bundesversammlung 1844 auf stabilere Füße gestellt. Pertz selbst war in den 50er Jahren auf dem Höhepunkt seiner wissenschaftlichen Karriere angelangt, geehrt durch zahlreiche akademische Ehrenmitgliedschaften; so berief ihn König Maximilian II. von Bayern 1858 als Mitglied in seine neu gegründete Historische Kommission bei der Münchner Akademie der Wissenschaften (Bresslau, S. 337).

Fünf Jahre später – Böhmer war verstorben -  zeigten sich die ersten Auswirkungen von Pertz‘ zunehmend autokratischem Leitungsstil: Die Bundesversammlung monierte, dass die Zuschüsse der Bundesstaaten nicht wie vorgesehen in die Erstellung der Editionen flössen, sondern sich in der Kasse der MGH sammelten. Und Pertz blockierte nicht nur die Gelder der Gesellschaft, sondern auch das zahlreich gesammelte Forschungsmaterial. Seine Weigerung, Materialien für wissenschaftliche Arbeiten außerhalb der MGH-Veröffentlichungen zur Verfügung zu stellen, verärgerte die Historikerzunft zusehends; ebenso wie sein Bruch mit dem hochtalentierten Philipp Jaffé und das Protegieren seines Sohnes Karl, für dessen fachliche Schwächen Pertz senior blind schien.

Gesandte der Bundesversammlung wie namhafte Professoren machten sich mittlerweile ernste Gedanken um den Fortgang des Unternehmens und suchten nach Lösungen. Pertz hingegen manifestierte im März 1864 in einer ausführlichen Denkschrift seinen alleinigen Herrschaftsanspruch: „(…) da seit nunmehr vierzig Jahren das ganze Werk nebst allen dafür zu Gebote stehenden Mitteln in meine Hand gelegt, von mir ins Leben gerufen und seiner Größe zugeführt ist und niemandem außer mir eine Einwirkung darauf zusteht“ (zitiert nach Bresslau, S. 411). Entsprechend selbstherrlich agierte der 68-Jährige und brachte damit die MGH an den Rand der Auflösung. Gesandte in der Bundesversammlung und Minister (auch Bismarck war involviert) diskutierten über die Neuorganisation der MGH.

Gerade noch rechtzeitig lenkte der Krieg 1866 die Aufmerksamkeit der Politik weg von den MGH, so dass Pertz unangefochten weiterwirken konnte. Nach dem Krieg gelang es ihm in der neuen politischen Konstellation noch einmal, die finanzielle Unterstützung für das Unternehmen MGH abzusichern.

Doch jetzt meldete sich bei Pertz ein anderer, ein unbezwingbarer Gegner: das Alter. „Pertz ist geistig stumpf, hält aber gleichwohl mit unbeugsamer Energie den Besitz der Monumenta als Familieneigentum fest“, schrieb im August 1872 Ernst Dümmler, Ordinarius für Geschichte in Halle, an Theodor Sickel, den Direktor des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung in Wien. Hinter den Kulissen wurde nun intensiv über Pertz‘ Nachfolge verhandelt. Dass diese Verhandlungen vonstattengingen, ohne seine persönliche Würde anzutasten, war vor allem das Verdienst seines späteren Nachfolgers, Georg Waitz, Ordinarius für Geschichte an der Universität Göttingen und ehemaliger langjähriger Mitarbeiter von Pertz. Nachdem durch Zeitungsartikel das Gezerre um die Leitung der MGH öffentlich geworden war, veröffentlichte Waitz im Hannoverschen Courier am 13.7.1872 eine Erklärung, in der er deutlich machte, dass er nicht gewillt sei, „dem hochverdienten Herausgeber der Monumenta, mit dem ich jahrelang in gemeinsamer Arbeit verbunden war, mit irgendwelchen Ansprüchen entgegenzutreten“ (zitiert nach Bresslau, S. 491). Pertz selbst wehrte sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln gegen seine Abdankung und konnte erst nach zähen Verhandlungen durch die Zusage einer großzügigen Apanage umgestimmt werden.

Nachdem dieses Problem gelöst war, galt es, die Eigenständigkeit der MGH zu verteidigen. Wieder kam es zu zähen Verhandlungen, diesmal zwischen den Akademien in Berlin, München und Wien und einem Gremium von herausragenden deutschsprachigen Historikern, die – wenn auch nicht ganz ungetrübt von persönlichen Eitelkeiten -  für die größtmögliche Unabhängigkeit der MGH eintraten und schließlich dem deutschen Bundesrat neue Statuten für die MGH vorlegten, die im Januar 1875 genehmigt wurden. Kern der Statuten war eine neu aufgestellte Zentraldirektion mit klaren Rechten und Pflichten, die schließlich im April 1875 zum ersten Mal tagte.

Das Protokoll der fünf Sitzungstage scheint auf den ersten Blick inhaltlich unspektakulär. Und doch ging mit der Wahl des 62jährigen Georg Waitz zum neuen Vorsitzenden ein halbes Jahrhundert Ära Pertz endgültig zu Ende. Die weitreichende Bedeutung der Beschlüsse 1875 eröffnet sich, wenn man die Hintergünde kennt.

 

Sitzungsprotokoll ediert in: Mittelalter lesbar machen. Festschrift 200 Jahre Monumenta Germaniae Historica, 2019, S. 161-176.

Bresslau, Harry: Geschichte der Monumenta Germaniae historica im Auftrage ihrer Zentraldirektion. Hannover 1921

Mehr zu dieser MGH-Archivalie im Beitrag von Martina Hartmann: Mittelalter lesbar machen. Festschrift 200 Jahre Monumenta Germaniae Historica, 2019, S. 158-176.

24.06.2020 14:25