Veranstaltungen | 12. Mär. 2020

Wer war die erste Monumentistin?

Prof. Dr. Martina Hartmann, Präsidentin der MGH, überraschte die Zuhörer am 4. März in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften mit bisher wenig beachteten Fakten zu dem Thema "Die Stunde der Frauen? Die wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen der MGH nach dem Ersten und im Zweiten Weltkrieg."


Kaum einer der zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörer dürfte zum Beispiel den Namen von Dr. Elisabeth Abegg mit den MGH in Zusammenhang bringen; bekannt ist sie vielmehr als Widerstandskämpferin gegen das NS-Regime. Und doch war Elisabeth Abegg die erste Frau, die bei den MGH eine Edition publizierte. Die promovierte Historikerin hatte 1920 von Harry Bresslau das Angebot bekommen, als freie Mitarbeiterin die Chronik des Michaelsklosters im italienischen Chiusi zu edieren. Die Edition veröffentlichte sie 1934 zusammen mit einer erläuternden wissenschaftlichen Studie. Zu diesem Zeitpunkt wurden die MGH von einem den Nationalsozialisten nahestehenden Präsidenten geleitet, für den wissenschaftliche Mitarbeiterinnen nicht mehr in Frage kamen.


Elisabeth Arbeggs Werdegang ist ein Beispiel für die Lebensläufe, die Martina Hartmann ans Licht gebracht hat. Die MGH-Präsidentin beschäftigte sich in ihrem Vortrag mit den (wenigen) wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen, die bei den MGH von 1920 bis zum Kriegsende angestellt waren und letztlich eine "alternative Lebensplanung" verwirklichen mussten, weil die MGH eine Männerdomäne blieben. Es wurde als selbstverständlich erachtet, dass die wissenschaftlichen Mitarbeiter, die aus dem Krieg zurückgekehrt waren, sofort wieder eine Anstellung erhielten. Dadurch wurden die Mitarbeiterinnen zu "Platzhalterinnen" degradiert. Ein Raunen ging durch die Zuhörerschaft, als Martina Hartmann einen Brief Walter Holtzmanns an MGH-Präsident Theodor Mayer zur Reorganisation der MGH zitierte: "Die Mädchen ... sind ... ganz nett, aber völlig unbrauchbar als Monumentisten (sic!) und so rasch wie möglich zu entlassen." Und noch direkter: "Die ganze Garde der Analphabetinnen - mit Ausnahme der Tipse - müssten so rasch wie möglich verschwinden; was die an Arbeit machen, ist größtenteils Kinderei".


Anhand der Lebensläufe ehemaliger Monumentistinnen illustrierte Martina Hartmann nicht nur, dass diese Frauen imstande waren, ihr Leben aktiv zu gestalten - von der Professorin für Amerikanistik bis zur Präsidentin der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands - sondern sie zeigte, wie sich anhand der Biografien Kapitel der Kulturgeschichte von BRD und DDR aufblättern lassen.


Bei dem anschließenden Umtrunk wurde von den Teilnehmern übereinstimmend großes Interesse an einer Veröffentlichung geäußert. Die entsprechende Reihe "Studien zur Geschichte der Mittelalterforschung" wird 2020 eröffnet.