Veranstaltungen | 04. Mai. 2021

Online-Vortrag: Das Reichsinstitut für ältere deutsche Geschichtskunde als zeitgemäße Antwort auf die Krise der MGH

Den zweiten Vortrag in der neuen MGH-Reihe „Vorträge zur Geschichte der Mittelalterforschung“ hielt Frau Prof. Anne C. Nagel. Das zahlreiche Online-Publikum goutierte die facettenreichen Informationen.


Das Reichsinstitut für ältere deutsche Geschichtskunde, wie die MGH zwischen 1935 und 1945 hießen, steht in keinem guten Licht. Manche sehen darin den Sündenfall der Mittelalterforschung im Dritten Reich schlechthin, andere nur eine, wenn auch bedauernswerte Episode in der 200jährigen Geschichte der MGH, die nicht weiter ins Gewicht falle. Die Wahrheit dürfte dazwischenliegen. Das Reichsinstitut war ein Ausweg aus der langanhaltenden Krise der MGH. Seine Gestalt als Reichsinstitut lag im Trend der Zeit, die auf Zentralisierung und Vereinheitlichung zielte. Damit wurde ein von Paul F. Kehr lang gehegter Plan unter den spezifischen Bedingungen des Dritten Reichs realisiert.


Der Vortrag begann mit einem Rückblick auf das späte Kaiserreich, als Kehr seinen Aufstieg begann und binnen weniger Jahre zum einflussreichen Wissenschaftsfunktionär avancierte. Er zählte zu den Gelehrten, die neben ihrer stupenden wissenschaftlichen Arbeit die Existenzbedingungen von Wissenschaft reflektierten. Deren Zukunft sah man in der Großforschung, staatsnah organisiert und staatlich finanziert zur Sicherung der Weltgeltung deutscher Wissenschaft. Krieg und Niederlage bereiteten diesen Plänen vorerst ein Ende.


Kehrs Versuche, die MGH in der Weimarer Republik zu fördern, waren glücklos. Sie blieben schlecht finanziert und verloren an wissenschaftlicher Akzeptanz. Der Umbruch 1933 schien neue Chancen zu bieten. Im Zuge der Reichsreform entstand aus dem Preußischen Kultusministerium 1934 das Reichswissenschaftsministerium unter Bernhard Rust. Die Gründung des Reichsinstituts 1935 ist in diesem Kontext zu sehen, von Kehr und seinen Helfern geschickt bei den neuen Machthabern eingefädelt und durchgesetzt. Veränderte sich mit der neuen Form der Charakter der MGH? Dieser Frage wird im dritten Teil des Vortrags nachgegangen, wofür der Blick auf die drei Präsident Wilhelm Engel (kommissarisch 1936-1937), Edmund E. Stengel (1937-1942) und Theodor Mayer (1942-1945) und ihren jeweiligen Führungsstil fällt.


Prof. Dr. Anne Nagel habilitierte sich 2005 bei Peter Moraw und publizierte ihre Arbeit unter dem Titel "Im Schatten des Dritten Reichs. Mittelalterforschung in der Bundesrepublik Deutschland 1945 bis 1970". Für die MGH ediert Nagel Gelehrtenkorrespondenz auf einer digitalen Plattform im Rahmen des Kooperationsprojekts „Korrespondierende Wissenschaft“, gefördert durch das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst.